§1 – Dramaturgische Gleichstellung

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Sowohl die Geschichten, wie auch zwei Zitate aus dem Buch „Dumplin‘“ von Julie Murphy und der gleichnamigen Verfilmung von Regisseurin Anne Flechter und Drehbuchautorin Kristin Hahn haben es mir angetan. Das erste befindet sich in Kapitel 15 und lautet: „I hate seeing fat girls on TV or in movies, because the only way the world seems to be okay with putting a fat person on camera is if they’re miserable with themselves or if they’re the jolly best friend. Well, I’m neither of those things.” Diese Zeilen bringen auf den Punkt, was Stereotype tun. Sie erlauben z.B. fetten Personen in Filmen und im Fernsehen nur das eine oder das andere zu sein: Sehr unglücklich mit sich oder der:die lustige beste Freund:in. Sie essentialisieren. Das ist bei Düften oder Fonds eine wunderbare Arbeitsgrundlage für Parfumeur:innen und Köch:innen, aber wohl kaum bei der Entwicklung von Figuren und Geschichten. So heißt es doch auch bei Robert McKee, dass alle Figuren verborgene Dimensionen brauchen. Sie dürfen im Innersten nicht nur das sein, was sie äußerlich zu sein scheinen.

Wenn Figuren in Geschichten Marginalisierungserfahrungen, oder wie wir es gerne nennen „eine Identität außerhalb der Grenzen der Normalität“, haben und auf eine Eigenschaft reduziert werden, birgt dies zwei Gefahren: Die der Diskriminierung. Und die der Langeweile. Langeweile, weil die Stereotype nichts weiter können, als immer und immer wieder dieselben Geschichten zu erzählen. Und Diskriminierung, weil diese „single stories“, Bilder von marginalisierten Personen festschreiben, die meistens Bilder aus der machtvollen Mitte einer Gesellschaft sind, die die Grenzen der Normalität festlegt. Stereotypische und essentialisierende Bilder schaffen ein Wir, indem es bestimmte Identitäten als anders beschreibt und somit die eigene Macht der Dominanzgesellschaft zementiert.

Ich behaupte sogar, dass Essentialisierungen in den meisten Fällen aus Fahrlässigkeit geschehen. Sie passieren, weil Stereotype nun mal da sind. Sie sind in unseren Köpfen, sie sind erlernt und sie brauchen nur Millisekunden, um parat zu sein. Da ist es kein Wunder, dass wir so gerne darauf zurückgreifen. Es ist vertraut, erlernt und hat sich schon etliche Male als funktionsfähig erwiesen. Wenn wir nicht fahrlässig handeln möchten, dann braucht es zuerst Sensibilisierung. Es braucht Übung für Perspektiverweiterung wie zum Beispiel Antirassimustrainings, wie einmal wöchentlich den Newsletter von Raul Krauthausen lesen, wie die literarische Kraft von Hengameh Yaghoobifarahs Roman entdecken, wie aufmerksam durch die Straßen laufen und genau schauen, was da ist, um Zuhause dann den Podcast von Tupoka Ogette, Alice Hasters oder Rice&Shine zu hören. Es braucht das alles und noch viel mehr, um von einer Sensibilisierung zu einer Professionalisierung zu kommen.
Wer professionell Geschichten erzählen möchte, der muss sich damit auseinandersetzen, dass er:sie die eigenen Stereotype zu hinterfragen hat. Immer. Und das muss täglich trainiert werden. Das passiert nicht automatisch, aber es liegt in der Verantwortung aller Autor:innen, dass wenn sie Stereotype einsetzen, sie es mit Absicht und vollem Bewusstsein tun.

Das führt mich zum zweiten Zitat aus „Dumplin‘“, das auch Eingang in den Film gefunden hat: „Find out who you are and do it on purpose.” Das ist ein Zitat von Dolly Parton, die als Vorbild für Willowdean Dickson, der Heldin der Geschichte, und ihrer Tante Lucy dient.

Übertragen auf die Entwicklung von Geschichten heißt es dann: Finde erst heraus, was du erzählen möchtest. Dann finde heraus, welche Figuren deine Geschichte braucht. Wähle und schreibe sie mit voller Absicht, in vollem Bewusstsein und in ihrer ganzen Komplexität.

„Dumplin‘“ ist so eine hervorragende Geschichte, auf Papier und Leinwand, weil Willowdean es schafft eine echte Hauptfigur zu sein. Sie ist eben nicht nur die dicke lustige Freundin oder das dicke traurige Mädchen als Kulisse auf den Gängen der Highschool. Sie ist alles, was wir von einer Hauptfigur erwarten und noch mehr: Sie spürt die Grenzen der Normalität jeden Tag und hat einen Umgang damit entwickelt, der sich im Laufe der Geschichte sogar noch verändert. Und sie ist nicht einmal der einzige „Dumplin‘“ in dieser Geschichte. Ich vermute, dass Willowdean diese Figur sein kann, weil Julie Murphy sehr viel über sie weiß und dieses Wissen mit uns teilt. Und das tut sie auch über alle anderen Figuren in der Geschichte. Diese bewusste, dramaturgische Gleichstellung, wie wir sie nennen, ist der Paragraf 1 der „Allgemeinen Erklärung der Figurenrechte (kurz: AEFR) der UNESCO.

Ja, ich scherze. Aber ich scherze auch nicht. Und ich tue beides mit Absicht. Und ebenso absichtlich verweise ich an dieser Stelle mit Freude auf die Keynote meiner Kollegin Letícia Milano, die sie auf einem Panel bei FilmStoffEntwicklung zum Thema Diversität gehalten hat und darin vier Empfehlungen zum Gelingen von mehr Diversität im Film und Fernsehen gibt. Eine dieser Empfehlungen ist die dramaturgische Gleichstellung und ihr Text ist hier nachzulesen.

Ach ja und bei Youtube gibt es noch 10 gute Gründe den Film bei Netflix zu schauen. Und dann gibt es noch eine tolle Initiative. Die heißt „Alle Körper im Blick“ und nimmt körperliche Diskriminierung in den Blick. Sie ist aktiv auf Facebook und Instagram.