Das generische Menschmeinende

Deutschlandfunk, zwischen 9:05 und 11 Uhr. Eigentlich wollte ich nur ein bisschen Radio hören, bevor ich aufstehe und einen ruhigen, freien Samstag genieße. Aber das Thema war: Gendern oder nicht? – Helfen * bei der Gleichstellung? Gisela Steinhauer moderierte die Sendung mit Schriftstellerin – pardon, Schriftsteller – Nele Pollatschek und Nils Pickert von „Pinkstinks“, Hörer:innen durften sich per Telefon oder Mail beteiligen. Das Thema war mir nicht neu und auch nicht die Argumente, egal ob pro oder contra. Nicht einmal die Anekdote von Nele Pollatschek über den englischen Professor, der sich wunderte, dass in Deutschland Angela Merkel als „BundeskanzlerIN“ bezeichnet wird. Während ich hörte, wurde ich trotzdem zunehmend wütend. Warum eigentlich?

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Gendern oder nicht?

Ich gendere noch nicht sehr lange und den Gap korrekt auszusprechen, hat etwas Übung von mir als nicht deutsche Muttersprachlerin verlangt. Umso stolzer gendere ich jetzt, wie ich immer stolz auf alles bin, was mir im Deutschen gelingt. Mein Sohn, Anfang 20, gendert seit etwa einem Jahr und das, als hätte er nie etwas anderes in seinem Leben getan. Wenn ich ihn höre, fühle ich mich gemeint. Und bin wieder stolz, diesmal auf die Erziehung.

Und doch kann ich die Argumente von Nele Pollatschek – am klarsten in diesem Tagespiegel-Artikel nachzulesen – sehr gut nachvollziehen. Ja, sie könnten mich regelrecht dazu verführen, nicht mehr zu gendern! In dem Artikel und auch in der Sendung des Deutschlandfunks machte Nele Pollatschek darauf aufmerksam, dass das Gendern die Gesellschaft für Frauen nicht gerechter gemacht hat. Sie verdienen immer noch nicht das gleiche wie Männer und sie haben auch immer noch nicht die gleichen Aufstiegschancen. Das ist sowas von wahr!

Die Anekdote mit dem Professor aus England geht übrigens noch weiter. Er merkt an, wenn die „Frau“ im Wort markiert wird, wäre dann nicht auch genauso wichtig, Ethnie sichtbar zu machen? Müsste ich nicht über mich sagen, dass ich eine migrantische AutorIN aus Brasilien bin? Der Professor sieht darin Diskriminierung. Nele Pollatschek auch. Und ich auch! Das ist ein verdammt gutes Argument! Es macht mich ratlos und müde: Es keine gibt leichten Antworten.

Eine unmarkierte Sprache

Oder wir stellen die falschen Fragen. Vielleicht wäre es viel wichtiger darüber nachzudenken, was wir sichtbar machen wollen und was nicht mehr markiert werden sollte. So möchte ich keine Artikel mehr lesen, in denen es darauf aufmerksam gemacht wird, dass der Verbrecher ein südländischer, nordafrikanischer oder arabischer Typ ist. Analog dazu bekommen Politikerinnen immer noch viel Aufmerksamkeit in der Presse für ihre Schuhe und Kleider und auch dafür, wer auf ihre Kinder aufpasst, während sie im Parlament sitzen. Wie wäre es damit, Ähnliches über die männlichen Kollegen zu berichten?

Im Zug dessen könnten Journalist:innen darauf aufmerksam machen, dass die Attentäter von Halle oder Hanau, die NSU-Mörder weiße, deutsche Männer waren. Denn Migrant:innen, BIPoC, LGBTTIQ* werden ständig markiert, ob sie es wollen oder nicht. Leute schlagen sich die Köpfe ein, mit Artikeln über Genderterror, über diskriminierende Sprache wird in den Mainstream-Medien immer noch nicht ausreichend geschrieben und wenn, wird die Diskriminierung oft weiter reproduziert. Siehe nur den Eklat um die WDR-Sendung „Die letzte Instanz“, in deren Berichterstattung immer wieder die rassistische Fremdbezeichnung für Sinti*zze und Rom*nja zitiert wird.  Nicht grundlos wirkt auf mich die ganze Debatte rund um das Gendern oft wie eine Ablenkung. Sprache kann diskriminierend sein. Mit Sprache markieren wir Menschen, schließen sie aus, verletzen sie auf Kosten von Privilegien, deren Verlust zu verschmerzen wären. Darüber sollten wir diskutieren.

Von Dichtern, Denkern und Geburtshelfern

Aber darf ich das, über die deutsche Sprache reden? Wünsche an sie richten? Von einem „Wir“ sprechen, das auch mich meint? Darf ich mich anmaßen, über Sprache im Land der Dichter und Denker mitzureden? Um diese Frage zu beantworten, habe ich die Suchmaschine gefragt, was der Ausdruck überhaupt meint. Fazit: Lange war die Sprache das Einzige, was das deutsche Volk zusammenhielt und als ein Volk definierte. Deutsch war, wer Deutsch sprach. Es gilt auch als Erklärung, dass die Deutschen besonders viele Dichter und Denker (es werden immer nur Männer genannt) hervorgebracht hätten, aber das ist natürlich reine Arroganz. Ich spreche Deutsch, also rede ich mit. Auch wenn ich bisher „nur“ ein halbes Leben Deutsch als Kommunikationsmittel nutze.

Aus dieser Zeit, in der die Sprache das Volk vereint hat, stammen auch die ganzen Berufsbezeichnungen, wie Luise F. Pusch hier erklärt. Arzt, Politiker, Brunnenbauer. Sie beschreiben das, was es damals gab. Die Sprache brauchte keine weibliche Form für diese Wörter, weil Frauen keine Berufe ausüben durften. Als Frauen in die Männerwelten eindrangen, brauchte die Sprache eine Lösung. Erst 1962 wurde das generische Maskulinum von Grammatikern wahrgenommen und beschrieben. Als erste Männer sich für Berufe wie Hebamme oder Krankenschwester interessierten, galt für sie jedoch kein generisches Femininum. Sie wurden Geburtshelfer und Krankenpfleger.

Ökonomie und Respekt

Interessant klingt in meinen ausländischen Ohren auch folgendes Argument: Gendern ist nicht ökonomisch und mit den ganzen Sternchen und den Unterstrichen sperrig. Absolut! Das unterschreibe ich sofort, vorausgesetzt ich darf diese Liste erweitern. Denn die deutsche Sprache glänzt nicht gerade durch Ökonomie! Und es liegt durch lange zusammengesetzte Wörter in ihrer Natur, sperrig zu sein. Die Ökonomie, die sie durch Anglizismen und die Umgangssprache der Zugewanderten und der Jugend gewinnt, wird von den gleichen Menschen bekämpft, die sich mit den Argumenten der Ökonomie gegen das Gendern stellen. Wie paradox ist denn das?

Ich wünsche mir eine ökonomische und neutrale Sprache. Knapp in der Form, schön im Klang, nahezu poetisch, was wäre das denn für eine geile Sache! Aber bevor wir dahin kommen, müssen wir über Diskriminierung reden. Wir müssen über Gleichstellung reden und zwar nicht nur von Frauen und Männern. Wir müssen darüber reden, in was für einer Gesellschaft wir leben möchten. Mitten in diesem Prozess findet Sprache statt. Denn ohne Sprache können wir nicht über Sprache sprechen. Wir brauchen vorübergehende Lösungen (falls Sprache überhaupt etwas anderes als vorläufig ist), Kreativität ist hier gefragt, Lust am Spiel und Fehlerfreundlichkeit. Wir brauchen eine gewisse Respektlosigkeit der Sprache gegenüber, dafür mehr Respekt für marginalisierte Menschen. Und natürlich brauchen wir einen Wortschatzi, der nicht von oben herab diktiert wird, sondern auch beim sogenannten Ottonormalverbraucher (übrigens eine Bezeichnung, die mehrmals in der eingangs zitierten Deutschlandfunk-Sendung gefallen ist und auf Klassismus hindeutet) gut ankommen, ja mit deren Beteiligung entsteht. Das generische Menschmeinende!