Füße auf den Tisch

(c) Producer: A24 films

Wir wurden ungefragt von fremden Personen berührt oder sogar geküsst. Uns wurde gesagt, dass wir klug für unser Alter seien. Uns wurde gesagt, dass wir das erst verstehen können, wenn wir älter seien. Uns wurde gesagt, stell dich nicht so an. Das sind lauter (Sprach)Handlungen, die Grenzen von Kindern überschreiten. Adultismus wird das genannt oder auch Altersdiskriminierung.

Ich denke viel über Altersdiskriminierung nach, weil ich es spannend finde, dass wir alle, egal welche Privilegien wir haben, diskriminierende Erfahrungen in unserer Kindheit und Jugend gemacht haben. Und was meistens auch passiert ist: Wir haben diese Diskriminierungen verinnerlicht. Wir haben die Zuschreibungen der Erwachsenen angenommen und übernommen, Gefühle unterdrückt und vielleicht sogar gelernt, dass wir den Druck, den wir selbst empfinden, an machtlosere Personen weitergeben können. Wir haben das gemacht, was uns vorgelebt wurde. Und sind dabei erwachsen geworden.

Und wie gehen wir nun als Erwachsene damit um? Wie verpacken wir unsere Liebe, Fürsorge, Verantwortung? Als Eltern, als Bekannte, in Vereinen, als Profis in Kindergärten, Schulen, Behörden oder als Geschichtenerzähler:innen für Kindermedien? Wie verhalten wir uns gegenüber Kindern und Jugendlichen und wie sehr hat die eigene, unreflektierte Diskriminierungserfahrung dazu geführt, dass wir auch auf anderen Ebenen Machtstrukturen in unserer Gesellschaft nicht erkennen und reproduzieren?

Altersdiskriminierung kann auf unterschiedlichen Ebenen passieren. Das kann interpersonell sein, das ungefragte Berühren, Dinge aus der Hand reißen oder Babys und Kleinkindern Ohrlöcher stechen (und das meist auch nur, um die kahlköpfigen weiblichen Babys von den männlichen zu unterscheiden). Kulturelle Normen setzen die Fähigkeiten und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen herab und machen sich in folgendem Verhalten bemerkbar: Erwachsene sprechen für Kinder, sie sprechen in Anwesenheit über die Jugendlichen, jungen Menschen wird gesagt, was sie tun sollen und werden nicht gebeten oder gefragt, Bestrafungen erhöhen sich bei Protest.

Wie sieht es auf der institutionellen Ebene von Adultismus aus? Junge Menschen haben wenig zu sagen, wenig Entscheidungsmacht und wenig Chancen ihre Situation zu ändern. Und das liegt gar nicht unbedingt nur an den Gesetzen. 1998 gab es eine Reform des Kindheitsrechts in Deutschland. Das Bundesverfassungsgericht hat darin Kinder als rechtliche Subjekte definiert. Seitdem heißt es im BGB z.B. auch, dass Eltern keine „elterliche Gewalt“ mehr haben, sondern „elterliche Sorge“ tragen. Ein weiteres Urteil vom Bundesverfassungsgericht fordert in Sorgerechtstreitigkeiten, dass Kinder ab dem dritten Lebensjahr gehört werden sollen. Und es lohnt sich auch immer wieder einen Blick auf die 1989 beschlossenen UN-Kinderrechtskonventionen zu werfen. Natürlich ist das Wahlrecht beschränkt und auch die Interessensvertretungen sind rar, wie auch die aktuelle Diskussion zur Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz zeigt. Mehr als die Rechte der Kinder werden in diesem Diskurs die Veränderungen der Pflichten und Rechte von Staat und Eltern diskutiert. Der politische Wille zur Partizipation ist schon lange im Raum (allerdings ist das Wahlrecht davon ausgenommen), wird aber immer nur begrenzt umsetzbar sein, wenn auf kultureller und interpersoneller Ebene die Erwachsenen nicht anfangen über ihre Macht zu reflektieren und damit meine ich nicht, dass sie Verantwortung abgeben sollen. Sondern sich fragen, was diese Verantwortung bedeutet.

Die Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen ist etwas, was in unserer Gesellschaft meistens übersehen wird. Denn es ist schon klar, Kinder und Jugendliche sollen sich unterordnen. Nicht-Erwachsensein ist ein temporärer Zustand, der knapp zwei Jahrzehnte dauert und in dem gelernt werden soll, wie es hier so abläuft, auf dieser Welt. In diesem Zeitraum ist es in Ordnung diesen Menschen bestimmte Bedürfnisse oder Empfindungen abzusprechen, sie sind ja noch nicht vollwertigjährig.

Spielen ist die Arbeit von Kindern, wird oft gesagt. Aber warum darf dann dieses Spiel beliebig von Erwachsenen unterbrochen werden, weil das Essen gerade fertig ist? Oder warum dürfen Kinder in der Schule nicht aufs Klo gehen, wenn sie müssen, oder essen, wenn sie Hunger haben? Diese Beispiele führt ManuEla Ritz in ihrem Beitrag auf. Sie sagt auch, dass das Wort Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft für Kinder und Jugendliche nicht gilt, gleichwohl aber eine Gleichwürdigkeit gesichert werden muss. Ein Wort, dass auch Jesper Juul, Kinder-, Jugend- und Familienpsychotherapeut und Autor, in diesem Kontext geprägt hat.

Ein wichtiges Instrument, Altersdiskriminierung zu erkennen, ist das eigene Verhalten in konkreten Situationen zu hinterfragen. Das geht gut durch den sogenannten Spiegel-Test von John Bell, der folgende Reflexionsfragen empfiehlt: Würde ich einen Menschen in meinem Alter so behandeln? Würde ich mit einem Menschen meines Alters in diesem Ton sprechen? Würde ich dies einfach aus der Hand eines Menschen meines Alters reißen? Würde ich diese Entscheidung für einen Menschen meines Alters treffen? Würde ich diese Erwartung an einen Menschen meines Alters haben? Würde ich das Verhalten eines Menschen meines Alters so begrenzen? Würde ich einem Problem einer Freundin meines Alters genauso zuhören?

Was bedeutet das für die Entwicklung von Medien für Kinder und Jugendliche?

Ich denke oft über Machtverhältnisse nach, wenn ich Kinder- und Jugendfilme schaue. In meiner Rolle als Dramaturgin für Kindermedien, als Vorstandsmitglied des Förderverein Deutscher Kinderfilm e.V., als erwachsener Mensch im Kontakt mit vielen Kindern.

Sollten wir damit aufhören diese Machtstrukturen in Kindermedien zu reproduzieren? Was hätte das für einen Einfluss auf Elternfiguren, Lehrer:innen und andere Erwachsene? So dient doch das Scheitern von überzeichneten, autoritären Erwachsenenfiguren oft als Humorgarantie. Aber findet im Lachen der Kinder auch die Erkenntnis statt, dass sie oft genug keine Möglichkeit haben, sich zu wehren? Wie kann eine Reproduktion stattfinden und gleichzeitig aber auch eine empowernde Geschichte erzählt werden? Wie können wir Kindern bewusst machen, dass es nicht „normal“ ist, wenn permanent ihre Grenzen überschritten werden? Und möchten das die Erwachsenen, die Geschichten für Kinder und Jugendliche erzählen, überhaupt? Ist es nicht viel bequemer so, wie es ist?

„Manchmal sind Väter komisch und ich war gerade komisch.“ (Zitat aus Eighth Grade)

Es sind viele Fragezeichen, die ich hier in diesen Text hämmere. Aber das Nachdenken und der Dialog beginnt damit. Und dann mit wachem Blick schauend, hatte ich das Glück erst kürzlich einen Film zu entdecken, der zwar in voller Härte das Unglück einer Achtklässlerin beschreibt, aber eine hoffnungsvolle Nebenfigur zu bieten hat:

Ein Beispiel für eine Elternfigur, die es schafft in keinem Moment Altersdiskriminierung zu reproduzieren ist Mark, Kaylas Vater in Bo Burnhams „Eighth Grade“. Ein Debüt, das mit schonungsloser Zärtlichkeit, die Außenseiterin Kayla in ihrer letzten Woche auf der Middleschool begleitet. Ebenso bemerkenswert und erholsam ist auch die Figur des Vaters und die Beziehung der beiden. In zehn Szenen des 90-Minüters ist er da. Meistens peinlich, nervig, hilflos sorgenvoll, einmal übergriffig, in dem er die Privatsphäre nicht achtet. Aber immer liebend, unterstützend und wertschätzend. Diese Szenen sind eine Hymne auf das, was Eltern vermögen, wenn sie sich ihrer Verantwortung, aber auch ihrer Macht bewusst sind und vor allem das in den Vordergrund stellen, was sie am meisten mit ihren Kindern verbindet: die Liebe.

(c) Producer: A24 films

„All the things I thought I was gonna have to teach you, how to be nice, how to share, how to care about other people’s feelings. You just started doing that on your own.“ (Zitat zum Bild aus Eighth Grade)

Es ist sichtbar: In meinem Beitrag sind viele Fragezeichen. Ich denke nach und merke gleichzeitig, ich muss beginnen, mehr darüber zu sprechen. Auch weil im Bereich von Kindermedien der Ruf nach Co-Creation, also der Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in die Entwicklung der Geschichten für sie selbst, immer lauter wird. Aber mit welcher Haltung müssen wir dieser Herausforderung begegnen? Dieser Text ist also ein Anfang. Die Fragezeichen auf Papier. Damit es eine Resonanz geben kann.