Gender Equality ≠ Diversity

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„Ich wurde noch nie als empfindlich oder hysterisch bezeichnet.“

Wenn diese Aussage auf dich zutrifft, gehe einen Schritt nach vorne. Wenn nicht, dann bleib stehen. Alle 20 Menschen im Raum bleiben stehen. Müdes Lächeln. Alle wissen genau, wie sich diese Zuschreibung anfühlt. Denn alle 20 Teilnehmenden an diesem Workshop sind Frauen.

Das ist Aussage Nummer sieben von zehn des Privilegien-Tests, den wir gerne, soweit der Platz im Raum reicht, als erste Selbsterfahrungsübung in unseren Workshops durchführen. Er dient dazu, sich den eigenen Privilegien (oder deren Fehlen) bewusst zu machen.

Der Tag war voll für die 20 Teilnehmerinnen an der Einführungswoche der Akademie für Kindermedien in Neudietendorf. Trotzdem hören sie aufmerksam zu, als wir erklären, was Normalität bedeutet, wie Othering funktioniert und warum Stereotype so gefährlich sein können. Als wir gemeinsam sammeln, was unterrepräsentierten Gruppen sind, wenn wir über Diversität reden, werden „Frauen“ nicht genannt. Obwohl alle im Raum wissen, wie wenig und wie stereotypisch Frauen und Mädchen in den deutschen Medien dargestellt werden. Und obwohl sie allein aus dem Grund, dass sie keinen Schritt nach vorne gegangen sind, als die eingangs genannte Aussage gefallen ist, sich in dieser Liste hätten einreihen können. Und doch ist es richtig: Frauen sind keine sogenannte Minderheit (wir benutzen lieber den Begriff „unterrepräsentierte oder marginalisierte Gruppe“), sondern machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus.

Beim “Q-Talk – Best Practices in front of and behind the Camera”, der von Pro Quote Film am 8.10.2020 zusammen mit ALEX Berlin organisiert wurde, gibt es einen interessanten Talk mit Daphne Tepper, BEL, Director UNI MEI, UNI global union – media, entertainment & arts, Publisher „Achieving gender equality and promoting diversity in the European Audiovisual sector”. Die Studie gibt es auch im Deutschen zum Downloaden. In diesem Talk erklärte Daphne Tepper, wie wichtig die Erhebung von Daten ist, wenn wir die Gleichstellung von Frauen erreichen wollen. Und wie wenige Zahlen es eigentlich bezüglich Diversität gibt. Sie sieht viele Gemeinsamkeiten und wichtige Synergien zwischen Gender Equality und Diversity, aber es sei auch wichtig, die unterschiedlichen Ziele vor Augen zu halten.

Die Teilnehmerinnen unseres Workshops waren allesamt empowerte Frauen. Auch wenn der Unterschied zwischen Geschlechtergleichstellung und Vielfalt nicht zur Sprache gekommen ist, haben sie doch ein feines Gespür für Intersektionalität gehabt. Sie haben als unterrepräsentierte Gruppen unter anderem Menschen mit Armutserfahrung benannt, Alleinerziehende, ältere Menschen und auch welche, die sich jenseits der Körpernormierung befinden. Auch Menschen mit nicht angesehenen Berufen. Bei allen diesen Gruppen entsteht in meinem Kopf sofort das Bild einer Frau. Die Zahlen bestätigen die Fantasie. Um nur bei einer Gruppe zu bleiben: Die Rente der Frauen in der EU liegt 37% unter der der Männer. Damit ist es klar, wer vor allem Armutserfahrung hat.

Noch am nächsten Tag beim Frühstück waren stereotypisch dargestellte Frauen- und Mädchenfiguren ein Thema. Daher freuen wir uns besonders auf die Stoffe in diesem weiblichen Jahrgang 2020/2021 der AKM. Es war ein schöner, wenn auch kurzer Augenblick, den wir teilen dürften. Wir sehen uns hoffentlich analog beim Goldenen Spatz 2021, in Erfurt.