Gute Note für die Quote

Triggerwarnung: Reproduktion von sexistischem Schimpfwort.

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Ja, klar, haben wir im letzten Jahr geantwortet. Das war nach einem unserer Vorträge, in dem wir viele Zahlen präsentiert hatten. Wir wurden danach gefragt, ob wir für die Frauenquote seien. Ja, klar! Klar? Ich bin mir nicht so sicher, denke ich manchmal. Mein Konsum von Zahlen hat sich im letzten Jahr drastisch erhöht und mein Blick auf das Zählen und die Zähler:innen und die Gezählten* ist viel kritischer geworden.

Tja, und bei Zahlen, da wird eben auch immer wieder über die Quote gesprochen. Die Quote – fast schon ein Pars pro toto – meint es doch so oft die Forderung nach einer Quote ausschließlich für Frauen in Vorständen von DAX-Unternehmen oder in den Parlamenten oder oder oder. Das Gute an der Frauenquote ist, dass es eine einfache Quote ist, denke ich. Bei Frauen muss ja noch nicht mal richtig gezählt werden, wie viel Prozent der Bevölkerung sie ausmachen. Zack, die Hälfte. Das passt dann schon ganz gut.

Und dann schreibt Caroline Criado-Perez ein dickes Buch über die riesige Datenlücke, die sich auftut, wenn es um Frauen geht. Sie zeigt, wie auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens Frauen systematisch in unserer von Daten und Zahlen geregelten Welt ignoriert und somit ausgeschlossen werden. Das ist keine Gleichberechtigung, wie sie die Comisssion on the Status of Women der UN, die Europäische Menschenrechtskonvention, die EU-Charta mit der deutschen Ausformulierung im Allgemeine Gleichstellungsgesetz oder das Grundgesetz vorsehen. Und so kann sie ganz sicher auch nicht entstehen.

Wenn ich das lese, dann geht es mir schlecht. Dann will ich einfach nur der unmarkierte Mensch sein. Alle sollen einfach Menschen sein, jammere ich. (Und ich weiß: Ich bin gar nicht so weit weg davon, mit all meinen Privilegien. Eben nur „ein Ritzenpisser“, wie mein Großvater seine Töchter und Enkelinnen bezeichnete.)

Aber will ich deshalb eine Quote für Frauen? Will ich überhaupt Quoten? In mir gibt es etwas, das die Quote ablehnt. Ich finde vor allem die Vorstellung unangenehm, irgendwo eine Quotenfrau zu sein. Nicht wegen meiner Leistung, sondern nur aufgrund meines Geschlechts ausgewählt worden zu sein. Und allein, dass mir das unterstellt werden könnte, ist doch ein Alptraum. Und außerdem will ich das nicht: Was sind wir für eine Gesellschaft, die alles zählt und besonders das, was uns trennt. Können wir es uns nicht einfach gemeinsam gemütlich machen, schreit meine innere Gemütlichkeit, die sich erst beim zweiten Blick als das zeigt, was sie ist: Meine weiße Zerbrechlichkeit (white fragility), die eben nicht nur weiß, sondern auch westdeutsch, hetero, cis und mittelständisch ist. Ich habe also gut reden. Wie immer.

Das oben erwähnte Buch „Unsichtbare Frauen“ von Criado-Perez lässt mich nicht nur schrecklich fühlen, es hat mir auch geholfen die Perspektive auf die Quote zu ändern. Es geht nicht ausschließlich darum, dass Menschen durch eine Quote bei der Besetzung einer bestimmten Position bevorzugt werden. Es geht vor allem darum, dass sie durch die Quote nicht mehr übersehen werden können. NICHT mehr NICHT gesehen werden können: Es ist diese doppelte Verneinung, die hier zu einer großen Chance für viele Menschen wird. Und wer, frage ich mich, möchte das nicht unterstützen?

Doch dann höre ich in einem Radiobeitrag: Elitentöchter ersetzen Arbeitersöhne. Der Eliten-Forscher und emeritierte Professor Michael Hartmann betont in dem Beitrag, dass es eher eine „Arbeiterkindquote“ bräuchte, als eine Frauenquote.
Und das macht mal wieder zweierlei deutlich. Erstens, wie wunderbar es klappt marginalisierte Gruppen gegeneinander auszuspielen. Das hat schon immer gut funktioniert. Echt mal, lasst euch was anderes einfallen. Und zweitens, alle Menschen, die einfache Lösungen wollen, die frei von Ambiguität sind, die müssen einfach mal aussetzen oder am besten gleich auf Null zurückgehen. Denn – Überraschung – diese Welt gibt es nicht! Dieses Dilemma zeigt einmal mehr, die Quote ist nur EIN Instrument von vielen. Aber noch viel mehr als ein Instrument, ist es meiner Meinung nach ein Zeichen:

Quoten einzuführen ist eine Anerkennung, dass die Welt nicht gerecht ist.
Quoten einzuführen bedeutet eine Haltung dazu zu haben und öffentlich zu ihr zu stehen.
UND: Quoten bedeuten für viele Menschen, endlich WIRKLICH eine realistische Chance zu bekommen, dabei sein zu können.

Und wenn ich mal wieder an der Quote zweifle und nur das Trennende sehen kann, dann denke ich einfach mal nicht so viel an mich und meine kleinen persönlichen Schwierigkeiten in meiner kleinen privilegierten Welt, sondern dann rufe ich mir eine Szene aus dem Film „Late Night“, geschrieben von Mindy Kaling, ins Gedächtnis: Die von ihr selbst gespielte Figur Molly erwidert dort einem Mann, der ihr den Quotenvorwurf macht:

„Just so you know: I‘d rather be a diversity hire than a nepotism hire. ‚Cause at least I had to beat out every minority and woman to get here. You just had to be born.“

Und dann liebe ich die Quote genau dafür, wofür sie von allen geliebt werden sollte: Sie gibt Chancen, wo es vorher keine gab. Und wer noch mehr Ideen zu Ermöglichungsinstrumenten hat: Her damit!

Deutsche Übersetzung der Autorin des Zitats aus „Late Night“:
„Nur damit du es weißt: Ich werde lieber aufgrund einer Diversitätsquote als aufgrund von Vetternwirtschaft geheuert. Denn ich musste mich wenigstens gegen alle Minderheiten und Frauen durchsetzen, um es hier her zu schaffen. Du musstest nur geboren werden.“