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Ist Diversität ein Qualitätsmerkmal? Eine Antwort und sehr viele Fragen.

(c) BfvE

In der Film- und Fernsehbranche geht die Auseinandersetzung mit Diversität in die nächste Runde. Der Bedarf nach Sensitivity Readings, Beratungen und Analysen wächst und das Wort Diversität taucht bereits als Unterpunkt in manchen Lektoraten auf. Damit wird Diversität als Qualitätsmerkmal eingeführt. Das wiederum ruft Widerstand hervor: Die Qualität eines Werks darf nicht der Diversität geopfert werden, lautet das Argument. Ziemlich verwirrend das Ganze!

Bevor diese Frage beantwortet werden kann, muss definiert werden, was Qualität überhaupt ist. Ich habe dafür die Richtlinien aller regionalen und nationalen deutschen Filmförderungen gelesen. Dabei habe ich hier und da Interessantes in Bezug auf Diversität gefunden. Doch: first things first. Es muss festgehalten werden, dass das Wort Qualität in den Richtlinien aller Filmförderungen auftaucht, definiert wird sie kaum. Am genausten steht es beim FFF Bayern und der MFG:

„Maßstäbe für (künstlerische und) kulturelle Qualität sind unter anderem die inhaltliche, historische, zeitgeschichtliche, schöpferische, soziale oder gesellschaftliche Relevanz des Stoffes, die erzählerische und sprachliche Ausgestaltung des Drehbuchs oder Treatments und der Dialoge, (die inhaltliche Ausgestaltung der Drehbuchvorlage,) die zu erwartende gestalterische und visuelle Umsetzung des Werkes sowie die Kompetenz der beteiligten Filmkünstler, vor allem in den Bereichen (Buch,) Regieführung, Schauspiel, Bildgestaltung, Schnitt, Szenographie, Ausstattung und Musik.“

Die MFG erwähnt die künstlerische Qualität nicht. Dafür lässt der FFF Bayern die inhaltliche Ausgestaltung der Drehbuchvorlage, sowie die Kompetenz der beteiligten im Bereich Buch außen vor. (Hier zieht die Autorin ihre Augenbrauen hoch!)

Aus diversitätskritischer Sicht ist der Passus zu der „Kompetenz der beteiligten Filmkünstler“ bereits problematisch. Solange Menschen aus marginalisierten Gruppen nicht die gleichen Zugänge zu Filmhochschulen, Equipment und Technik haben, gibt es keine Gleichstellung im Rennen um Filmförderungen. Darüber hinaus stellt sich die Frage: Wer definiert, was Kompetenz in den verschiedenen Bereichen heißt? Und analog dazu: Wer definiert, welche Stoffe inhaltlich, historisch, zeitgeschichtlich, schöpferisch, sozial und gesellschaftlich relevant sind? Und für wen?

Mathematik gegen Implicit Bias

Was förderungswürdig in Deutschland ist, wird immer noch von sehr homogenen Gremien entschieden. Sie sind nicht immer, aber oft als weiß, cis, gesund, gebildet, vorwiegend männlich und heterosexuell zu beschreiben. Das ist mittlerweile bekannt. Wie lässt sich das ändern? Langfristig, indem Menschen aus marginalisierten Gruppen den gleichen Zugriff auf die Ressourcen bekommen, um überhaupt die Erfahrung sammeln zu können, die es rechtfertigt, in einer Jury zu sitzen. Kurzfristig, indem sich Jurymitglieder mit ihren eigenen Implicit Biases (unbewussten Vorurteilen) auseinandersetzen. Wie bewusst sind ihnen ihre toten Winkel und wie scharf ihr Bewusstsein für die abwesenden Perspektiven im Raum? Sie sollten sich regelmäßig eine Bestandsaufnahme ihrer Vorurteile vornehmen und ihren diversitätskritischen Blick boostern, wie es unlängst einer unserer Workshopteilnehmer nannte.

Erziehung, politische und kulturelle Sichtweisen, Glaube. Was formt das Urteilsvermögen? Was wird gelesen, gehört, gesehen? Wie viel des Gelesenen, Gehörten, Gesehenen stammt von Frauen*, Menschen mit Behinderung, mit einer eigenen Migrationsbiografie oder in der Familie, mit einer nicht-binären Geschlechtsidentität? Um es mit den Worten des Meteorologe J. Marshall Sheperd aus einem TED-Talk zu sagen: Die Fläche eines Kreises ist „Pi mal r Quadrat“. Wird der Radius vergrößert, vergrößert sich auch die Fläche. Also: Je divers wir uns aufstellen, umso breiter wird unsere Perspektive. Umso mehr sehen wir.

Diversität in den Richtlinien der deutschen Filmförderung

Wie schon erwähnt hat meine Recherche zu dem Begriff „Qualität“ auch aufgedeckt, wie die Richtlinien der Filmförderung sich zu dem Thema Diversität äußern – wenn sie sich äußern.

Da ist natürlich die MOIN Filmförderung Vorreiter mit folgenden Sätzen: „Die Filmförderung erwartet, dass im Rahmen der geförderten Projekte eine angemessene geschlechterunabhängige Beschäftigung und Bezahlung vorgenommen und dem Schutz von Minderheiten Rechnung getragen wird. Produktions- und Arbeitsabläufe im Rahmen geförderter Projekte sollen ökologisch nachhaltig gestaltet werden. Ein barrierefreier Zugang zu den geförderten Produktionen soll gewährleistet sein.“

Dass Diversität und Nachhaltigkeit zusammen stehen ist keine Seltenheit. So auch bei der nordmedia: „Bei der Realisierung der Projekte wird erwartet, dass eine geschlechtergerechte Besetzung und Beschäftigung sowie eine faire Vergütung angestrebt werden. Natur, Umwelt und Ressourcen sind zu schonen. Es soll ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig produziert werden.“ Kurz: Go Green and diverse!

Die Verbindung zu sozialen Aspekten hat auch das Medienboard Berlin-Brandenburg unter seinen Zielen der Förderung: „die Diversität, Inklusion und Gleichberechtigung der Beteiligten in der Filmbranche zu stärken und auf faire Arbeitsbedingungen unter sozialverträglichen Standards hinzuwirken“.

In der Regel steht in jeder Richtlinie folgender Satz, hier von der Website des Kuratoriums junger deutscher Film: „Nicht gefördert werden Projekte, die gegen die Verfassung oder geltende Gesetze verstoßen, die sittliche oder religiöse Gefühle verletzen oder die sexuellen Vorgänge oder Gewalt in aufdringlicher, spekulativer oder vergröbernder Form darstellen.“ Soweit so gut, aber nun:

Ist Diversität ein Qualitätsmerkmal?

Wenn ich über diese Frage nachdenke, fallen mir einige Filme und Serien ein, die durchaus Diversität repräsentieren wollen. Ich werde sie hier nicht namentlich erwähnen, weil ich ihnen keine Plattform bieten möchte. Ich möchte ihnen keine Plattform bieten, weil ich sie teilweise für Hohn halte. Was in diesen Filmen und Serien vor allem vertreten ist: Stereotype über Menschen, die marginalisiert und unterrepräsentiert sind. Quantität top, Qualität flopp, könnte ich zusammenfassen. 

Diversität als Marketingkampagne ist auch in der Film- und Fernsehbranche nicht unbekannt. In manchen Fällen war der Filmförderung wohl die Wirtschaftlichkeit wichtiger als die Qualität. Ja, teilweise sind das Filme und Serien, die von oben erwähnten Förderungen Geld bekommen haben.

Kann eine Geschichte voller Stereotype qualitativ hochwertig sein? Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn die nächste Frage lautet: Sind Gremiumsmitglieder, vorwiegend weiß, cis, hetero, männlich, gesund, gebildet, in der Lage, diese Stereotype in ihrer ganzen Dimension zu erkennen? Können sie das Diskriminierende dahinter erspüren? Erkennen sie ihre eigenen Implicit Biases beim Lachen über eine stereotypische Szene, über die Essentialisierung von Menschen, die nicht so sind, wie er? Tja. Wir sind mit den Maßstäben für ökologische Nachhaltigkeit definitiv weiter als mit denen für Diversität. Es werden keine Quoten eingeführt, keinen Diversityaward, vergeben, keine präzise Formulierung gewählt, was erwartet wird vor wie hinter der Kamera.

Meiner Meinung nach kann die Frage danach, ob Diversität ein Qualitätsmerkmal ist, nur mit Nein beantwortet werden. Und ich möchte vor allem ergänzen, dass diese Frage zu der falschen Diskussion führt.

Viel dringender und entscheidender ist doch die Überprüfung der Richtlinien von Filmförderungsanstalten. Diverse Teams und neue Narrativen müssen gefördert werden. Die Ausbildung von Filmfachkräften aus marginalisierten Gruppen in allen Bereichen müssen gefördert werden. Neue Gremien müssen gebildet werden, in ihnen sollten wir die Breite der Gesellschaft widergespiegelt sehen. Solange privilegierte Menschen bestimmen, was förderwürdig ist, bleibt das Streben nach Diversität in der deutschen Film- und Fernsehbranche ein Feigenblatt.

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