Über Wörter denken

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Ich will endlich ein selektives Gehör haben. Ich will das I-Wort nicht mehr hören. Nicht von Wolfgang Thierse, nicht von denen, die seiner Haltung folgen und nicht von denen, die seine Worte verteufeln. Das Wort, das alle Gemüter zurzeit, wie es scheint, zu erregen vermag. Meins leider auch.

Obwohl ich viel lieber mit fetten Kopfhörern auf den Ohren beschwingt zu schönen Wörtern tanzen würde. Oder zumindest mit verschränkten Armen lässig an einem Türrahmen gelehnt stehen und überlegen lächelnd in meinem Kopf die schönen Wörter denken würde, wenn das I-Wort fällt. Die Diskussion um dieses Wort ist die Angst. Die Angst vor Liebe. Einer Liebe, aus der kein Profit zu schlagen ist. Das I-Wort: Der Schild und der Speer in einem; so ein gutes Werkzeug, da muss nicht mal der fette Arsch aus dem Ledersessel geschwungen werden. (Dieser Satz muss sein. Kleine Anekdote: Wegen eines ähnlichen Satzes wurde ich in der 3. Klasse fast von der Klassenfahrt heimgeschickt. Und das Gefühl ist ähnlich: Machtlos, voller Kampfgeist und Liebe und Lust auf Gerechtigkeit.)

Viel lieber lese ich Bücher und Artikel mit und zu schönen Wörtern, wie Empathie und Zugehörigkeit! Das sind die Wörter, über die mehr gesprochen werden sollte.  So wie es Emilia Roig, Raul Krauthausen, Saba-Nur Cheema, und viele andere tun.

Zugehörigkeit, „darin steckt eine Art mitmenschlicher Genossenschaft, ein gegenseitiges Teilen“ schreibt Raul Krauthausen.  „Durch Empathie lernen wir nicht nur, die Welt aus der Perspektive der anderen zu betrachten, sondern auch, die Gefühle und den Schmerz der anderen wahrzunehmen und mitzufühlen“, schreibt Emilia Roig.

Darüber zu lesen und zu sprechen macht glücklich. Es ist so intensiv, diese Wörter in dieser Dichte in tollen Texten zu lesen, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Diese Wörter geben einen Rhythmus vor, nach dem ich schon lange suche und nun finde ich ihn in politischen Texten. In Texten von Menschen mit Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrung. Ja, es treibt mir die Tränen in die Augen.

Diese beiden wunderbaren Wörter helfen mir auch in einer weiteren Diskussion weiter. Bei der Frage „Wer darf was schreiben“, der Frage nach kultureller Aneignung. Meistens steckt dahinter nicht die Befürchtung Personen zu verletzen oder etwas zu nehmen, was einem nicht gehört, sondern nur die Angst vor einem Shitstorm. Und das ist der Fehler. Denn eigentlich sollte es darum gehen, die eigene Unsicherheit zuzulassen und im Zweifel lieber mehr zu recherchieren und Vorurteile und Stereotype beim Erzählen von Figuren hinter sich zu lassen.

Denn was, wenn nicht Geschichten schaffen die Möglichkeit sich in andere Menschen einzufühlen? „Wer darauf besteht, dass nur Betroffene über bestimmte Lebenswelten und Realitäten schreiben dürfen, blendet das Potenzial der Empathie durch Literatur aus“, schreibt Saba-Nur Cheema. Sie betont, dass es nicht wichtig ist, wer schreibt, sondern wie geschrieben wird!

Das ist der eine Punkt der Diskussion von „Wer darf was schreiben.“ Es ist eine klare Antwort.

Wir dürfen diese Debatte aber niemals vermischen mit der Frage nach Zugängen. Das ist eine andere. Sie setzt da an, wo Zugehörigkeit ins Spiel kommt: Denn, wer gehört dazu? Wer darf erzählen und wie selbstverständlich ist das? Wer wird veröffentlicht? Wie sind die Ressourcen verteilt und wer sind die Gatekeeper?

Um diese Fragen zu beantworten, lohnt es sich auch in Bezug auf Shitstorms empathisch zu sein. Zu fragen, was dahintersteckt. Denn auch ein Shitstorm ist am Ende nur ein Angriff, hinter dem Wut und Hilflosigkeit steckt. Und wäre da nicht die schönste aller Maßnahmen empathisch zu sein?

Am Ende ihres Buches „Why We Matter“ fragt Emilia Roig: „Bist du bereit, die Welt aus einer Perspektive zu sehen, die nicht deine ist? Bist du bereit, wirkliche Empathie für Menschen zu empfinden, die minderwertiger als du konstruiert wurden?“
Ich denke, es zeigt sich: Nur mit Empathie und Zugehörigkeit kommen wir weiter.
Und deshalb frage auch ich: Bist du bereit?