Vortreten und schweigen

Wenn ich so durch die Timelines meiner sozialen Netzwerke scrolle, muss ich feststellen, dass es mittlerweile jede Menge Verbündete in Sachen Diversität gibt. Ihr werdet vielleicht jetzt denken, ja, ja, deine Blase. Und sicherlich ist das auch wahr. Aber worum es mir geht, lässt sich auch in meiner Blase gut beobachten. Denn bei aller Liebe zu und der Notwendigkeit von Verbündeten: Mich überkommt das Gefühl, es ist alles so laut! Natürlich ist es längst überfällig, dass es laut wird, wenn wir Respekt und Repräsentation für alle und nicht nur für einige in der Gesellschaft fordern. Das Problem liegt aber schon hier im Wort: Repräsentation! Es sind immer die gleichen Stimmen, die laut werden, immer noch werden die gleichen Menschen laut, nur ihr Thema hat sich geändert. Was fehlt, ist, dass diejenige gehört werden, um die es hier geht: um diejenigen, die in unserer Gesellschaft unsichtbar gemacht werden. Solange privilegierte Menschen für sie sprechen, reproduzieren sie weiter deren Marginalisierung.

Der Gesang der Sirenen

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„Ulysses and the sirens“ von John William Waterhouse

First things first: Menschen, die aufgrund einer Behinderung, einer anderen Nationalität oder Ethnie, ihrer sexuellen Orientierung, ihrem Geschlecht oder ihrer Körperform, ihrem Alter oder Gesundheit am Rande der Gesellschaft stehen, haben eine Stimme! Sie brauchen nicht, dass jemand für sie spricht. Was sie brauchen, ist, dass man ihnen zuhört.

Um zu erklären, wie Zuhören geht, möchte ich mich eines Bilds bedienen: Die Sirenen aus der griechischen Mythologie. Ihnen wurde nachgesagt, sie hätten eine so bezaubernde Stimme, dass diejenigen, die sie hörten, ihnen folgten und auf ihrer Insel starben. Aber nicht nur deren Gesang war es, die die Männer (angeblich waren ja nur Männer auf den Schiffen) ins Unglück stürzten. Sie konnten alles auf Erden Geschehende offenbaren. Es ging – wenn man so will – um umfassende Perspektiven.

Zwei mythische Helden haben es geschafft, die Insel der Sirenen zu passieren. Einer von beiden war Orpheus. Er muss sich gedacht haben: Ach, ja, die Sirenen haben eine bezaubernde Stimme? Die habe ich auch! Er nahm also seine Leier und sang lauter als die Sirenen, bis sie an der Insel vorbei waren. Weder Orpheus noch seine Männer hörten den Gesang oder die Worte der Sirenen. Es ging nur darum, dass sie überlebten, wenn sie die Insel passieren.

Der zweite war der bekannte Odysseus. Er wollte die Reise auch überleben. Aber er wollte auch den Gesang der Sirenen hören. Er war neugierig. Also ließ er sich an den Mast fesseln, um ihnen zuhören zu können, ohne ihnen folgen zu müssen. Also ohne zu handeln. Auch sie überlebten die Fahrt an der Insel vorbei. Aber Odysseus – im Gegensatz zu Orpheus – kannte den Gesang und die Worte der Sirenen.

Das subversive Zuhören

Wer privilegiert ist, ist gewohnt, sich zu äußern und geht auch davon aus, dass andere einem immer zuhören wollen. In meiner Timeline gibt es momentan sehr viele Orpheuse. Sie haben eine Haltung zu Diversität gefunden, empfinden sich als sensibilisiert, stellen sich breitbeinig mit ihrer Leier am Bug und singen so laut sie können, damit sie sicher sein können, dass nur sie gehört werden. Im Moment also sprechen privilegierte Menschen über eine gerechtere Welt, in der alle einen Platz haben und gleichgestellt sind. Die Botschaft ist richtig und wichtig. Aber wie kann das angemessen sein, wenn das Sprechen selbst und die Sprache – wie Claudia Brunner hier schreibt – in Rassismen, Gewalt und der Rechtfertigung der Ungleichheit verstrickt ist? Privilegierte Menschen in unserer Gesellschaft sollten sich entscheiden, sich sinngemäß wie Odysseus an den Mast fesseln zu lassen! Ein Akt des subversiven Zuhörens.

Das subversive Zuhören hat seinen Ursprung in den postkolonialen Studien und wird unter anderen von Maria do Mar Castro-Varela und Nikita Dhawan erklärt. Auch die schon erwähnte Claudia Brunner hat sich damit auseinandergesetzt. Und jetzt ich, weil es mir zu laut ist, um diejenigen zu hören, die am Rande stehen.  Aber wie gelingt das? Subversives Zuhören?

Zuhören bedeutet einerseits schweigen. Ich muss aufhören zu reden, wenn ich wirklich zuhören möchte. Der Dialog muss aufgehoben werden, bis er wirklich auf Augenhöhe geschehen kann.

Zuhören impliziert die Bereitschaft, sich auf die Gedanken, die Interpretation, die Perspektive anderer einzulassen. Ohne Widerspruch. Ohne die Anmaßung, es besser zu wissen. Das zuhörende Subjekt akzeptiert, dass der*die spricht, eine*er Andere ist, mit einer anderen Erfahrung, einer anderen Perspektive, anderen Gedanken. Es akzeptiert die Differenz.

Dieses Zuhören ist voller Aufmerksamkeit für das Gegenüber, auf seine Worte oder auch auf seine Verweigerung von Worten.

Aber noch eine Sache gehört dazu, die das Ganze dann auch subversiv macht: Das subversive Zuhören beinhaltet eine kritische Analyse der eigenen Sprech- und Handlungsposition. Das zuhörende Subjekt wird sich seiner privilegierten Position in der Gesellschaft bewusst. Es verzichtet auf seine Deutungshoheit über das Leid der Anderen, es verzichtet auf die Macht, die seine Privilegien ihm sichern.

Sein Schweigen ist nicht schuldbeladen, da liegt keine Selbstbezichtigung und es wird nicht nach Entschuldung durch die Marginalisierten gesucht, auch nicht nach deren Dankbarkeit für dieses Schweigen. Es ist ein Selbstbewusstsein im Schweigen, ganz fern von jedem Narzissmus.

Also: Wer es wirklich ernst meint mit dem Verbündetsein für eine gerechtere Gesellschaft, in der alle einen Platz haben und gleichgestellt sind, wer wirklich und wahrhaftig möchte, dass unsere Medien alle Menschen in der Gesellschaft abbilden, der*die muss jetzt vortreten und schweigen, wie schon der österreichische Schriftsteller Karl Kraus am Vorabend des Ersten Weltkriegs forderte.